Lokis Tagebuch: Mein neues Leben (07. Oktober 2016)

Ein Hund aus dem Tierschutz schreibt Tagebuch
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Von Mareike Meyer

Liebes Tagebuch,

heute war der schlimmste Tag in meinem Leben. Im einen Moment sitze ich noch in der Sonne Griechenlands und im nächsten friere ich im herbstlichen Deutschland. Na gut, ganz so schnell ging es dann doch nicht. Ich wurde in so eine große Kiste aus Plastik gepackt, die nur ganz kleine Fenster und vorne ein Gitter hatte. Da drin war es ganz schön finster, kann ich Dir sagen. Ich habe ehrlich gesagt etwas Angst gehabt und wusste nicht, was als nächstes kommt. Das Nächste war dann sogar noch schlimmer. Die Kiste mit mir darin wurde an einen Ort gebracht, an dem es wirklich sehr sehr laut war. Ich mag ja laute Geräusche nicht und hatte deshalb noch ein bisschen mehr Angst. Vor der Box liefen so viele fremde Menschen umher und schleppten riesige viereckige Taschen herum. Manche davon waren auch zum Rollen und haben dabei so viel Lärm gemacht, dass mir die Ohren weh taten. 
Genauso laut war es dann in dem komischen kleinen Raum, in den ich in meiner Kiste gebracht wurde. Die Kiste wurde irgendwie festgeschnallt, glaube ich, aber viel sehen konnte ich nicht. Dann war es einen Moment ruhig, ehe es richtig schlimm wurde. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, aber irgendwie hat es in einem Bauch ganz doll gekribbelt und es war wieder sehr laut. Das ging mehrere Stunden so, glaube ich. Ich versuchte gerade mich damit abzufinden, dass ich wohl für immer in dieser Kiste sein würde, als das Bauchkribbeln wieder schlimmer wurde. Als ein kleiner Ruck durch die Kiste ging, hörte es plötzlich auf und auch der Lärm wurde weniger. Gepriesen dafür seien alle Hundegötter.
Die Kiste wurde losgebunden, aus dem kleinen Raum geholt und auf einen Rollwagen gehoben. Ich war mittlerweile so kaputt und durcheinander, dass ich einfach alles hinnahm. In der Kiste roch es unangenehm. Ich glaube, da ist mir ein kleines Missgeschick passiert in meiner Angst. Ich verzog mich in die hinterste Ecke, möglichst weit weg von dem Gitter an dem wieder Menschen mit komischen Taschen vorbei eilten. 
Mir war kalt und ich hatte Angst und wollte einfach nur meine Ruhe, als eine komische Frau mit rotem Fell auf dem Kopf in die Kiste guckte. Ich habe mal gehört, dass einige Tiere so tun, als wären sie tot, wenn sie glauben dass Gefahr naht. Das habe ich auch gemacht. Ich hielt die Luft an und tat so, als sei ich gar nicht da. Vielleicht übersah sie mich ja.
Das hat aber leider nicht geklappt. Sie sprach mich an, faselte etwas von “Willkommen in Deutschland und in deinem neuen Leben”. Na herzlichen Dank auch. Bisher konnte ich meinem “neuen Leben” und diesem “Deutschland” rein gar nichts abgewinnen. 
Die wilde Ruckelreise in der doofen Kiste ging weiter. Ich wurde geschoben, hochgehoben, abgestellt und landete schließlich samt Kiste in so einem großen Blechkasten auf Rädern. Die Menschen nennen es Auto, glaube ich. Damit ging die Reise weiter. Die komische Rotfellige saß auf der Bank direkt vor mir und drehte sich immer wieder zu mir um. Langsam bekam ich das Gefühl, dass etwas komisch war. Wieso guckte die so viel? Hatte die noch nie einen Hund gesehen?!
Die Fahrt mit diesem “Auto” dauerte wieder ein paar Stunden und dann trugen die Rotfellige und eine andere Frau mich in der Kiste einige Treppen hinauf. Das schien ihnen echt Mühe zu bereiten. Dabei bin ich doch eigentlich ein echt sportlicher Typ. Muss mit der Kiste zusammenhängen.
Während ich noch darüber nachdachte, ob ich nicht doch ein wenig abnehmen sollte, öffnete die Rotfellige das Gitter der Kiste. Was wollte die von mir?! Ich verkroch mich weiter in die Kiste und wollte mich am Liebsten auflösen, aber das klappte irgendwie nicht. Als die Olle dann aber ein paar Stücke Wurst vorne in die Öffnung der Kiste legte, rochen die so verlockend, dass ich beschloss, all meinen Mut zusammenzunehmen und ein Stückchen in Richtung Öffnung zu gehen. 
Die Wurst schmeckte großartig und die Olle Rotfellige freute sich, als hätte ich irgend ein tolles Kunststück aufgeführt. Die war ja leicht zu beeindrucken. Ich tat eigentlich nichts weiter, als den Wurststückchen zu folgen und merkte dabei gar nicht, wie ich langsam die Kiste verließ. Aber entgegen meiner Erwartung passierte nichts Schlimmes. Es gab Wurst im Überfluss. Die Olle schien einen unerschöpflichen Vorrat zu haben und als ich ein leichtes Schwanzwedeln wagte, flippte sie vor Freude praktisch aus. Ich beschloss, dass ich sie ganz lustig fand und wurde mutiger. Ich war scheinbar in einer Art Menschenzwinger. Es gab riesige Liegeplätze, jede Menge Spielzeug, das sie sich seltsamerweise über ihre Hinterpfoten zogen und eine seltsame weiche Wiese mitten in dem Zwinger. Aber als ich darauf Pipi machen wollte, wurde die Olle nervös. Sie hob mich einfach hoch und trug mich ganz viele Stufen hinunter, durch eine Tür und zu einer echten Wiese. Zu schade. Die im Zwinger war ganz flauschig und warm. Einfach perfekt für Pipi. Aber ich werde schon noch Gelegenheit dazu bekommen, denn ich habe das Gefühl, dass ich ein bisschen länger hier bleiben werde. Die Rotfellige ist gar nicht so übel. Ich habe sogar Wurst fürs Pipimachen bekommen. Das muss man sich mal vorstellen!
Noch mehr Wurst gab es nur, als ich ihr erlaubt habe, mich nass zu machen. Ich gebe zu: Ich hatte wieder ein bisschen Angst, aber ich konnte in dem komischen Becken stehen und die Olle säuselte die ganze Zeit, was für ein “braver Hund” ich sei. Und sie sagte ständig “Loki”. Ich weis wirklich nicht, was das bedeuten soll. Menschen sind komisch. Vielleicht bringe ich ihr ein bisschen Hündisch bei, damit sie weniger brabbelt. Sie redet wirklich ununterbrochen.
Nach dem Nassmachen war ich plötzlich sehr müde und legte mich auf einen der Liegeplätze. Endlich ließ die Olle mich in frieden. Dafür schaltete sie aber so ein großes Loch in der Wand ein. ich war fassungslos, als dort noch mehr Menschen auftauchten. Ich untersuchte das Loch ganz genau, konnte aber niemanden riechen. Sehr seltsam. Hinter dieses Geheimnis würde ich sicher auch noch kommen.
Kurz darauf kam noch ein Mensch. Einer mit gelbem sehr langem Fell. Er war viel größer als die Olle und wagte nicht, mich zu bewegen, als er an mir schnüffelte. Eigentlich ein ganz normales Verhalten, aber ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der das verstanden hat. Ein bemerkenswerter Kerl. Mit dem kann ich sicher arbeiten und ihm zeigen, wie man sich als anständig hündisch verhält. Damit war das Eis zwischen uns gebrochen und an diesem Abend schlief ich an den großen gelbfelligen Menschen gekuschelt ein.
Also ich kann nur noch einmal sagen, liebes Tagebuch, heute war der schlimmste Tag in meinem Leben, aber ein bisschen auch der beste.
 

Loki

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